Die Leiche auf dem Sofa

Die NEUE SÜDTIROLER TAGESZEITUNG über den Mordfall Francesca Montebugnoli (2012)

Im Jänner 1969 wurde die 22-jährige Francesca Montebugnoli Opfer eines Gewaltverbrechens. Die Sekretärin im Notariatsstudio Giatti war getötet worden. Der mysteriöse Fall blieb ungesühnt. Kommt jetzt nach mehr als 40 Jahren die Wahrheit ans Tageslicht?

Francesca Montebugnoli, 22, zählt die Tage: Am Ostermontag 1969 will sie ihren Verlobten Giancarlo Benetti heiraten. Die junge Frau arbeitet als Sekretärin in der renommierten Notariatskanzlei Giatti in Bozen. Ihren Traumprinzen hatte sie anderthalb Jahre zuvor, im Sommer 1967, kennengelernt. Der Vorvertrag für die gemeinsame Mietwohnung in der Turinstraße ist bereits unterzeichnet. Später erinnert sich Enzo Montebugnoli, der Vater der jungen Frau, dass Francesca in jenen Tagen bedrückt und nervös gewirkt habe. Vater Montebugnoli führte das Unbehagen auf eine Klausel zurück, die Notar Giancarlo Giatti in den Anstellungsvertrag eingefügt hatte: eine Kündigungsm.glichkeit im Falle einer Heirat.

Die Leiche von Francesca Montebugnoli

Francesca Montebugnoli hätte, also, in wenigen Monaten ihren Job verloren. Doch wenige Monate vor der geplanten Hochzeit kommt es zu einem grausamen Verbrechen, das die Hochzeits- und Zukunftspläne von Francesca Montebugnoli und Giancarlo Benetti jäh zunichte macht – und mehrere Familien ins Unglück stürzt. Donnerstag, 30. Jänner 1969: Antonio Giatti, der Bruder des Notars, betritt gegen 18.20 Uhr die Kanzlei. Später sagt Giatti, ein Mittelschullehrer, aus: „Als ich die Tür öffnete, sah ich plötzlich einen Mann vor mir. Er trug blutverschmierte Handschuhe. ,Das ist ein Überfall, gib das Geld heraus, sonst …’, drohte er. Im nächsten Augenblick trat noch ein zweiter Mann auf mich zu, der eine Pistole auf mich richtete. Ich war vor Angst wie gelähmt (…). Ich flehte die beiden an, mich nicht zu töten, ich sage, ich sei verheiratet. Einer von ihnen, er hatten einen blonden Haarschopf, schob mich in die Toilette. (…) Ich öffnete das Toilettenfenster, das gegen den Innenhof gerichtet ist, nahm ein Wasserglas und warf es gegen die Tür der darunter liegenden Portierwohnung. Die Frau des Portiers, Ludmilla Dissertori, kam heraus, ich rief ihr zu, aber sie verstand mich nicht (…) Auf meine Hilferufe hin kam ein Mann in den Innenhof, es war der Sparkassen-Ausgeher Ferdinand Winkler. Ich erklärte ihm, was vorgefallen war und warf ihm die Büroschlüssel zu (…). Dann bemerkten wir die Leiche des Mädchens auf dem Sofa. (…) Alles war voller Blut. Ich hoffte, dass Francesca noch lebte …“ Der Fall Francesca Montebugnoli – einer der mysteriösesten Fälle der Südtiroler Kriminalgeschichte. Die Schilderungen Antonio Giattis lösten bei den Ermittlern eine bestimmte Verlegenheit aus.

Mordopfer Francesca Montebugnoli

Die Version des Lehrers über den angeblichen Raubüberfall schien den Behörden zu abenteuerlich. Andererseits waren Antonio Giatti und noch mehr dessen Bruder Antonio Stadtgrößen, die man nicht so einfach einer vernehmungstechnischen Sonderbehandlung unterziehen konnte, so wie sie zwei Monate später zwei vorbestraften Hallodris zuteil werden sollte. Die Ermittlungsbehörden gingen mit Samthandschuhen zu Werke. Der gute Ruf der Giattis stand auf dem Spiel, jener der Ermittlungsbehörden ebenso. Für die Ermittler war klar: Francesca Montebugnoli musste zwischen 18.20 und 18.25 Uhr getötet worden sein. Die Ermittler überprüften das Alibi des Notars. Giancarlo Giattis Schwiegervater, Lorenzo Graziani, gab an, Giancarlo Giatti sei an jenem Nachmittag nach Sterzing gefahren. Auf der Rückreise habe er seinen Privatwagen am Bahnhof in Brixen stehen lassen und habe dann mit dem Zug nach Bozen zurückfahren wollen. Um 18.40 Uhr hätten er, Graziani, und seine Tochter Natalia ihn am Bahnhof in Bozen abholen wollen. Lorenzo Graziani gab weiters an: Auf der Fahrt zum Bahnhof seien er und seine Tochter beim Büro von Giancarlo Giatti vorbeigefahren.

Den mysteriösen Kriminalfall im Notariatsstudio Giatti hat Artur Oberhofer im ersten Band aus der Reihe „Die großen Kriminalfälle in Südtirol“ aufgearbeitet. Auf der Grundlage von bis dahin unveröffentlichten Gerichtsakten hat Oberhofer den Fall Francesca Montebugnoli rekonstruiert.

Durch die beleuchteten Fenster hätten sie einen Mann beobachtet, der im Büro der Sekretärin etwas suchte. Sie hätten dieser Beobachtung aber keinerlei Bedeutung beigemessen. Später gab Natalia Giatti, die Ehefrau des Notars, von dem Unbekannten, den sie hinter dem Fenster gesehen hatte, eine verblüffend genaue Personenbeschreibung ab. Die Kette der Merkwürdigkeiten reißt nicht ab: Als der Zug aus dem Eisacktal in Bozen eintraf, war Giancarlo Giatti nicht im Zug. Den Ermittlern gegenüber erklärte der Notar, er sei im Taxi von Sterzing nach Brixen zurückgefahren, von dort aus sei er dann in seinem Wagen nach Bozen gefahren. Trotz der vielen Zweifel und Ungereimtheiten: Es gab für die Ermittler keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich der Notar zum Tatzeitpunkt in seinem Büro aufgehalten haben könnte. Bei der Autopsie stellte sich heraus, dass Francesca Montebugnoli mit einem einzigen Messerstich getötet worden sei. Der Täter hatte – laut Gerichtsmediziner – mit „roher Gewalt agiert“, er habe dem „Opfer beinahe den Kopf abgetrennt“, so heißt es im Obduktionsbericht. Die Ermittler schlossen die Raubmord-Hypothese nicht gänzlich aus, da mehrere Schubladen im Büro herausgerissen waren.

Und Notar Giatti gab an, aus dem Büro seien 160.000 Lire Bargeld verschwunden. Ein Mord wegen läppischer 160.000 Lire? Die Ermittler hatten schon resigniert, die Medien das Interesse am Fall verloren, als es im März 1969 zu einer spektakulären Wende kam. Eine vertrauliche Quelle („fonte confidenziale“) hatte den Carabinieri die Spur zu zwei jungen Männern ausgelegt: Rudi Rainer aus Meran und Stefan Plattner aus Gargazon, beide 24 Jahre alt. Der „vertrauenswürdige Informant“ gab an, Rainer und Plattner hätten am 16. Dezember 1968 einen Raubüberfall auf die Besitzerin der Bar Roxy in Bozen, Santina Cassatini, verübt – und sie seien auch für den Mord an Francesca Montebugnoli verantwortlich.

Rudi Rainer

Die Identität des Superzeugen wird bis heute geschützt, es dürfte sich um einen aus Österreich stammenden Kleinkriminellen, Franz S., handeln, der sich mit Rainer und Plattner verstritten hatte. Einer der beiden Hauptverdächtigen, Rudi Rainer, wurden einem regelrechten Verhörmarathon unterzogen: Vier Verhöre innerhalb von 22 Stunden. Am frühen Morgen des 7. April 1967 sickerte aus Ermittlerkreisen durch, dass Rudi Rainer den Mord an Francesca Montebugnoli gestanden habe. Was die Ermittler verschwiegen: Reiner hatte das Erstgeständnis nach wenigen Stunden widerrufen. Die Voreingenommenheit der Ermittler rächte sich: In einem Indizienprozess wurden Rudi Rainer und Stefan Plattner freigesprochen. Auf die Frage von Richter Gennaro Nardi, warum er den Mord gestanden habe, sagt Rainer: „Das kann ich mir heute selbst nicht erklären, ich habe gestanden, wie ich schon früher andere Vergehen gestanden habe.“ Tatsächlich hatte Rudi Rainer im Jahr 1966 einen Taschenraub gestanden, den er nachweislich nie begangen hatte. Eine andere vielversprechende Spur vernachlässigten die Ermittler: So hatten die Ermittler in Erfahrung gebracht, dass aus dem Notariatsstudio ein Betrag von 20 bis 30 Millionen in Geldscheinen und Wechselformularen entwendet worden seien. Die Spur hätte geradewegs zu einem Verwandten des Notars geführt – der in eine finanzielle Schieflage geraten war. Den Scheck, der aus dem Notariatsstudio entwendet worden sein soll, hatte der Verwandte des Notars als Sicherstellung hinterlegt.

Stefan Plattner

Dieser Spur wurde nie hartnäckig nachgegangen. Rudi Rainer und Stefan Plattner wurden im Mai 1971 voll freigesprochen – „weil sie die Tat nicht begangen haben“. Ein großer Erfolg für Anwältin Adriana Pasquali. Nun soll dieser Fall wieder aufgerollt werden. Die für die sogenannten Cold Cases zuständige Einheit in Rom hat das damals gesicherte Beweismaterial angefordert, um es auf DNA-Spuren zu untersuchen.

Wird der Mord an Francesca Montebugnoli nach mehr als vier Jahrzehnten doch noch aufgeklärt?

Die großen Kriminalfälle I

edition AROB

Es war der Krimi-Knüller des Jahres 2005: Im ersten Band der Reihe „Die großen Kriminalfälle” des 20. Jahrhunderts in Südtirol rekonstruiert Artur Oberhofer acht spektakuläre Verbrechen: Vom Bürgermeister-Mord in Kaltern (1946) über die Giftmorde von Klausen und St. Lorenzen in den 1960er-Jahren bis hin zum Aufsehen erregenden Mädchen-Mord von Blumau (Fall Rosa Pichler, 1970).
Krimi-Spannung pur!
Das Buch „Die großen Kriminalfälle” ist bereits in vierter Auflage erschienen und war monatelang in den Südtiroler Bestsellerlisten.

ISBN 88-88396-06-3
Hardcover – 336 Seiten
Preis Italien: 27,00 Euro
Preis Ausland (D-A-CH): 28,00 Euro

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