Der Fall Bergamo

Die NEUE SÜDTIROLER TAGESZEITUNG über den Fall Marco Bergamo (2011)

Der Fall Marco Bergamo war einer der spektakulärsten Kriminalfälle in Südtirol. In einem neuen Buch geht Artur Oberhofer dem letzten großen Geheimnis auf den Grund: War Bergamo wirklich ein Fünffach-Mörder?

Donnerstag, 6. August 1992: Um Punkt 06.02 Uhr reckt die Sonne hinter dem Rosengarten ihre glühend rote Stirn ganz langsam hoch. Bis zu 32 Grad werden in Bozen erwartet. Alessandro Arervo, 29, lehnt an der Kreuzung Lanciastraße-Voltastraße mit kugelsicherer Weste und Maschinenpistole im Anschlag an der Fahrertüre, als er um 06.55 Uhr, fünf Minuten vor Dienstschluss, plötzlich rot sieht. Feuerrot. Aus der Unterführung in der Voltastraße schießt ein feuerroter PKW heraus. Ein Seat Ibiza. Der junge Streifenführer erwacht aus seiner Nachtdienst-Lethargie und sagt zu seinem Streifenkollegen: „Das ist er!“ Wenige Stunden zuvor war auf der Kohlerer Straße die Leiche der 19-jährigen Prostituierten Marika Zorzi entdeckt worden. Als der rote Seat Ibiza einen knappen Meter vor ihm zum Stillstand kommt, bemerkt Alessandro Arervo die geborstene Windschutzscheibe.

Im Wagen sitzt ein junger Mann mit Schnauzbart. Und: Der Beifahrersitz ist abmontiert werden. Später erinnert sich der Polizeibeamte Alessandro Arervo: „Als wir ihn (Marco Bergamo, Anm. d. R.) aufforderten auszusteigen, ist er im wahrsten Sinne des Wortes erbleicht, er hat zu zittern begonnen. Ich fragte ihn, warum seine Arme zerkratzt seien und warum er den Beifahrersitz abmontiert habe. Er gab ausweichende Antworten, aber er wirkte ganz ruhig und gefasst.“ An diesem Donnerstag, den 6. August 1992 – es war nebenbei der Geburtstag von Marco Bergamo –, endet eine der spektakulärsten Mordserien der Südtiroler Kriminalgeschichte. „Tageszeitung“- Chefredakteur Artur Oberhofer hat den Fall Marco Bergamo auf der Grundlage von teilweise unveröffentlichtem Aktenmaterial rekonstruiert. Das Buch „Der Serienmörder Marco Bergamo“ kommt am Montag in den Handel. Sieben Jahre lang hielt der Frauenmörder Marco Bergamo die Südtiroler Bevölkerung in Atem. Artur Oberhofer erstellt auf der Grundlage von Verhörprotokollen und Sachverständigen- Gutachten ein Psychogramm des Serial Killers. Ein Beispiel: Als Marco Bergamo von den gerichtspsychiatrischen Sachverständigen zu seinen Motiven befragt wird, sagt er: „Die Frau hat mir immer Angst eingeflößt, Angst, nicht auf der Höhe zu sein. Aus Angst wurde dann Hass. Ich hasse sie alle! Frauen sind unehrenhaft und egoistisch. Sie gebrauchen dich (…). Aus diesen Gründen war ich immer gegen die Ehe. Die Frau konsumiert den Mann, sie schneidet ihm den Kopf ab und frisst ihn. Ein Hund ist wenigstens treu, die Frau behandelt den Mann wie einen Fußabstreifer. Der Hund erwidert die Zuneigung, eine Frau nicht. Die Frau benutzt den Mann für ihre Ziele, und wenn er ihr nicht mehr nutzt, packt sie ihre Sachen und ist weg.“ Der Autor leuchtet anhand von Zeugenaussagen und Gerichtsakten tief in die Kältekammer einer in Südtirol sesshaft gewordenen, italienischen Proletarier-Familie hinein. „Es entsteht das Charakterbild eines jungen Mannes“, so Artur Oberhofer, „der ein zwiespältiges Frauenbild entwickelt hat: Er trennt zwischen dem Typus gute Mutter, das wäre seine geliebte Mama, die er als schützend, nährend und liebend empfindet, und Frauen und Mädchen, vor denen er sich fürchtete, weil sie ihm schier überlegen sind.“

Aus dem Humus dieser Überidentifikation mit der Mutter und des .berbehütet- Seins sei Marco Bergamo in eine emotionale Sackgasse geraten. In der Schule als Fettwanst gehänselt, von Mädchen (auch wegen seiner Hautkrankheiten) abgewiesen, beim Militärdienst ein Außenseiter, im Arbeitsleben ein Versager – ständige Versagenserlebnisse, Kränkungen, Beziehungsängste und die tief verankerte Furcht, keine Frau zu finden, die seinem Idealbild entspricht. „Irgendwann“, so der Autor, „hat Marco Bergamo erfahren, dass sich ein Mittel besonders eignet, um Probleme zu lösen: Gewalt.“ Der junge Schweißer habe sich als Individuum gefühlt, das sich von der weiblichen Unterjochung befreien müssen. Der Messerstich sei die Handlung gewesen, die für Marco Bergamo den Sieg im Geschlechterkampf symbolisiert habe. Dem Charakterbild des Täters stellt Artur Oberhofer im 384 Seiten starken Buch (dem sechsten Band aus der Reihe „Die großen Kriminalfälle in Südtirol“) die Opferschicksale gegenüber.

„Marco Bergamo hat sich als Individuum gefühlt, das sich von der weiblichen Unterjochung befreien müsse. Der Messerstich war die Handlung gewesen, die für ihn den Sieg im Geschlechterkampf symbolisiert hat.“
Artur Oberhofer

So kommt, beispielsweise, Maurizia Spitaler Mazzotta zu Wort, die Mutter von Marcella Casagrande. Die 15-jährige Schülerin war das erste (und jüngste) Opfer des Serienmörders Marco Bergamo. Marcella Casagrande war im Jänner 1985 in ihrer Wohnung im Mariaheimweg in Bozen mit unzähligen Messerstichen getötet worden. Maurizia Mazzotta hatte die Leiche aufgefunden. Im Buch erzählt die Mutter des Mordopfers unter anderem, dass sie Marco Bergamo im Prozess nicht in die Augen habe sehen können. „Ich konnte das nicht tun, weil die Augen Bergamos das letzte waren, was meine Tochter Marcella gesehen hatte.“ Marco Bergamo wurde wegen fünffachen Mordes verurteilt. Der Autor rekonstruiert im Buch die fünf Morde (an Marcella Casagrande, Anna Maria Cipoletti, Renate Rauch, Renate Troger und Marika Zorzi) und geht dem letzten großen Geheimnis im Fall Marco Bergamo auf den Grund: War Marco Bergamo wirklich ein Fünffach- Mörder? Oder wurden ihm zwei Morde – jener an der jungen Millanderin Renate Troger und an der Lehrerin und Prostituierten Anna Maria Cipoletti – nur untergeschoben? Die überraschende These des Buchautors: „In den Fällen Renate Troger und Anna Maria Cipoletti hat das Gericht im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden, nach dem Motto: Ob drei Morde oder fünf, es wäre immer lebenslänglich herausgekommen.

Während es im Fall Troger Indizien gab, wenn auch nur schwache, gab und gibt es im Fall Cipoletti nicht den Hauch eines Beweises.“ Artur Oberhofer hat außerdem versucht, mit dem in der Justizvollzugsanstalt in Rebibbia einsitzenden Serienmörder zu kommunizieren. Marco Bergamo erklärte sich in einem Brief dazu bereit, dem Autor ein „umfassendes Interview“ zu geben, stellte dafür aber eine Honorarforderung. „Ich sollte Bergamo den Betrag von 1.000 Euro überweisen“, erzählt Oberhofer, „doch ich habe dieses ,Angebot’ – Interview gegen Bezahlung – auch aus Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer abgelehnt.“

Die großen Kriminalfälle VI

edition AROB

Am 3. Jänner 1985 wird die 15-jährige Schülerin Marcella Casagrande tot in ihrer Wohnung in Bozen aufgefunden.
Wenige Monate später wird die 41-jährige Lehrerin und Prostituierte Anna Maria Cipoletti in ihrer Wohnung tot aufgefunden.
Sieben Jahre später schlägt der Frauenmörder erneut zu: Im Jänner 1992 schlägt der Frauenmörder erneut zu. Das Opfer: Die 24-jährige Prostituierte, Renate Rauch. Und nur wenige Monate später wird in Atzwang bei Bozen, die Leiche der 18-jährigen Renate Troger aufgefunden.
Geht in Südtirol ein Serienmörder um?
In der Nacht auf den 6. August 1992 wird die 19-jährige Prostituierte Marika Zorzi auf der Kohlerer Straße in Bozen tot aufgefunden. Wenige Stunden später nimmt die Polizei einen Tatverdächtigen fest: einen 26-jährigen Schweißer.
Artur Oberhofer rekonstruiert den Fall des Südtiroler Serienmörders Marco Bergamo und geht dem letzten Geheimnis auf den Grund: Ist Marco Bergamo, ein Fünffach-Mörder? Oder laufen die Mörder von Anna Maria Cipoletti und Renate Troger noch frei herum?

ISBN 978-88-88396-14-9
Hardcover – 384 Seiten
Preis Italien: Euro 34,00
Preis Ausland (D-A-CH): Euro 35,00

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